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Ein Weihnachtsgeschenk? „Harveys neue Augen“!

Vor satten 3 Jahren – mir kommt es vor, als sei es dieses Jahr gewesen – wurde Edna bricht aus (EBA) veröffentlicht. Ein Spiel, das sich – zugegebenermaßen aus Ressourcenmangel notgedrungen – wieder auf den Inhalt konzentriert statt auf optisches Spektakel. Es war ein Java-Spiel, was die Chancen, dass es auch auf GNU/Linux anständig läuft, deutlich erhöht hat. Und tatsächlich war das dann auch so.

Vor kurzem bin ich über Radio Tux Talk #150 auf Harveys neue Augen (HNA) gestoßen, das schon im August diesen Jahres herauskam. Hatte ich aber überhaupt nicht mitgekriegt, da ich fast gar nicht mehr spiele. Es ist der Nachfolger von EBA und wurde deshalb von mir einfach mal blind gekauft, ohne die Demo auszuprobieren. Gut, ganz blind war es nicht: Vorher noch auf Holarse informiert, wie es mit GNU/Linux aussieht – kein Problem. Es ist zwar kein Java-Spiel mehr, man braucht also Wine, aber es soll prinzipiell kein großes Problem sein. Da ich EBA großartig fand, habe ich einen Spontankauf riskiert und mir gesagt, „wenn es nicht auf Anhieb läuft, dann muss ich mir eben etwas ausdenken“.

Aber HNA läuft. Anders als in der Beschreibung der AppDB von Wine habe ich auch keine „Fixfiles“ benötigt. Aber mittlerweile gibt es ja auch schon Wine 1.3.35 statt 1.3.28, vielleicht macht das einen Unterschied.

Screenshot: Blockaden

HNA ist ein Adventure mit sehr skurrilem Humor. Man spielt das kleine Mädchen Lilli, das in einer Klosterschule lebt, die von einer völlig abgedrehten Oberin „regiert“ wird. Lilli ist nach außen hin ganz brav, hat aber deutlich einen an der Waffel – kein Wunder. Sie lebt in ihrer eigenen Welt, mit ihrer eigenen Wahrnehmung. Sie ist quasi stumm, weil ihr niemand zuhört, und so bekommt man den grundsätzlichen Plot der Geschichte von einem Erzähler aus dem Off erzählt. Dessen Humor und Duktus haben mich ein bisschen an Charlie und die Schokoladenfabrik erinnert: Oberflächlich betrachtet ist alles bunt und witzig, aber darunter liegt eine beklemmende Ernsthaftigkeit. Das gilt für das ganze Spiel – zumindest bis zu dem Punkt, wo ich im Moment angekommen bin (irgendwo im dritten Kapitel).

Ein Beispiel (Achtung, Spoiler): Lilli soll einen Baum von Termiten befreien. Wie bekommt sie die da weg? Durch das Kellerfenster des Klosters sieht sie einen Pinsel, aber der Keller ist abgeschlossen. Wie kommt man da nun rein? Über einem Brunnen baumelt ein Bienennest und ein anderer Schüler steht am Brunnen und schaut hinunter. Er versucht auch, an den Schlüssel zu gelangen, und beugt sich deshalb recht weit über den Brunnen. Am Ende fällt er rein. Ups. Lilli spielt währenddessen „nichtsahnend“ mit dem Bienennest, weil sie die Bienen so mag – und das Nest fällt auch in den Brunnen. „Komische Töne“ hört man von unten. Der Junge ist jetzt also am Schlüssel, aber wie kommt er wieder aus dem Brunnen raus? Lilli nimmt einen Gartenschlauch und füllt damit den Brunnen auf, also wird der Junge nach oben geschwemmt. Er hat „lustige Beulen“ und kauert vor Schmerzen auf der Bank neben dem Brunnen. Lilli meint aber sinngemäß nur, dass er mit den vielen roten Punkten im Gesicht jetzt wohl viel Spaß haben würde. Den Kellerschlüssel hat er übrigens fallenlassen. Sie nimmt ihn, holt den Pinsel aus dem Keller und taucht ihn in das Bienennest – das auch durch den Gartenschlauch vom Grund des Brunnens wieder nach oben geschwemmt wurde. Damit kann sie also endlich eine Spur aus Honig legen, um die Termiten vom Baum wegzulocken. Das funktioniert auch. Leider hat sie – da sie ja vom Brunnen her kam – eine Spur aus Honig auch zum Brunnen gelegt. Dort laufen die Termiten hin. Wieder seltsame Töne aus Richtung des Brunnens. Tja. Als Lilli dann mal wieder am Brunnen vorbeischaut, sieht sie nur einen kleinen kartoffelartigen Zensurgnom, der ein Skelett rosa anpinselt. „Wo war nur der andere Junge hingelaufen?“

Anders als Edna, die durchaus mal bewusst böse agiert und dabei gelacht hat, ist Lilli immer „brav“, richtet dabei aber ein riesiges Chaos an. Das und Vorkommnisse wie, „gib der Küchenfrau Doris lieber das Messer, das du gefunden hast, zurück, weil Kinder nicht mit Messern rumlaufen sollten, erhalte dafür im Gegenzug eine Kettensäge, welche Doris jetzt nicht mehr braucht, weil sie ja wieder ein Messer hat“, machen den Charme des Spiels aus.

Screenshot: Birgit

Technisch ist HNA ein bisschen weiterentwickelt worden. Während EBA zum Beispiel nur in einer Auflösung von 800x600 lief, ist HNA frei skalierbar. Und es kommt mir ein bisschen flotter beim Laden der Szenen vor.

Hier und da habe ich in Reviews gelesen, dass der Humor von EBA nicht mehr „erreicht“ wird. Hmm. Es ist ganz klar nicht dieselbe Art Humor, das stimmt. Es ist anders. Aber auf jeden Fall gelungen. Manche Stellen sind derart absurd, dass das sicher auch die Nachbarn gemerkt haben. ;-)

Den „Kopierschutz“ muss man (heutzutage) auch hervorheben. Das Spiel hat keinen digitalen Kopierschutz, sondern einen traditionellen:

Die Kopierschutzscheibe

Es wird eine Kombination am Bildschirm angezeigt und man muss die Scheibe in die richtige Position drehen. Dann sieht man den Code, gibt ihn ein und fertig. Der Originaldatenträger muss nicht im Laufwerk liegen und man muss auch nicht online sein oder sich gar irgendwo zwangsweise registrieren.

Nachtrag für armselige Kreaturen. Da schon aus „Cracker“-Foren auf das obige Bild der Drehscheibe verlinkt wird, lasst euch folgendes gesagt sein: Was ihr da seht, ist nicht die vollständige Scheibe. Ihr werdet das nicht mal eben ausdrucken und dann verwenden können.

Okay, EBA hatte überhaupt keine Maßnahmen, um das Kopieren zu erschweren. Aber einmal am Tag die Drehscheibe bemühen (man muss das nur alle 24 Stunden tun), um den richtigen Code herauszufinden, ist verschmerzbar. So war das bei manchen Spielen vor 20 Jahren auch schon. Restriktiver dürfte es allerdings nicht sein. Hätte das Spiel insbesondere einen digitalen Kopierschutz, der das Spielen mit Wine vermutlich unmöglich gemacht oder zumindest stark erschwert hätte, dann hätte ich es mir definitiv auch nicht gekauft, weil ich mich dann polemischen Gedanken wie, „ah, kaum hatten sie mit Edna Erfolg, können sie nicht genug kriegen“, nicht hätte erwehren können. Aber so ist es ja nicht. Die Macher von HNA halten ihre Käufer schon noch für einigermaßen anständig und denken nicht gleich, dass jeder Käufer das Spiel kommerziell auf dem Schwarzmarkt vertreiben will. Dann kommt man sich auch nicht veräppelt vor, wenn man das Spiel tatsächlich kauft. Bei anderen Spielen musst du in der Originalversion mehr Gängeleien über dich ergehen lassen muss als die Schwarzkopierer, die das alles nie zu Gesicht bekommen, weil es für sie von Anfang an rausgepatcht wurde. Bei EBA und HNA ist das nicht so. Die Macher der Spiele sind ehrlich, halten den Käufer für ehrlich und dann zahlt man den Preis auch gerne.

Ich reite auf diesem Punkt so herum, weil die heute üblichen „Kopierschutzmaßnahmen“ der Hauptgrund sind, weshalb ich keine Spiele mehr spiele. Weder kaufe ich sie noch beziehe ich sie anderweitig, da ich dann, weil mir bestimmt das eine oder andere Spiel gefallen würde, ungewollt dafür Werbung machen und vielleicht doch noch jemanden zum Kauf anregen würde. Aber solange die Masse der Spielehersteller mich einfach mal grundsätzlich für kriminell hält, wird auch nichts von ihnen konsumiert.

Screenshot: Limbus

Nundenn. Ich bin gespannt, wie Lillis Geschichte zuende geht. :-)